Die Textanalyse hat gezeigt, dass Intertextualität zwar auch eine Grundbedingung für die Entstehung und Entwicklung der HipHop-Kultur und ihrer Musik ist, da diese aus der Vermengung unterschiedlichster Einflüsse entstanden ist, aber gleichzeitig auch ein von einem Künstler beziehungsweise einer Künstlerin bewusst eingesetztes Mittel sein kann, seine Zuhörerschaft zu überzeugen. Authentizität und technische Überlegenheit ist in dieser speziellen Sparte des Rap von besonderer Bedeutung, da hier auch die direkten KonkurrentInnen des Künstlers beziehungsweise der Künstlerin zum Kreis der RezipientInnen zu rechnen sind:
"Authentizität in diesem Zusammenhang bedeutet die gelungene Mitte zwischen Original und Adaption, Vorbild und Neugestaltung. Als 'glokale' Kultur ist Rap global verbreitet und besteht aus einer Vielzahl differenter lokaler Kulturen, weiterhin in der Zirkulation global (medial) vermischter Stile und Images und deren lokaler Neukontextualisierung."1
Das sowieso schon als „Hintergrundrauschen im HipHop“2 ständig vorhandene „kulturelle und kommunikative Gedächtnis“3 wird im untersuchten Lied aktiv in den Vordergrund gerückt und aktiviert. Kool Savas führt seine Vorbilder eines nach dem anderen wie (Autoritäts-)Argumente ins Feld, wie ein Schüler seine Meister zitiert, um zu zeigen, von wem er gelernt hat. Dabei ist seine Auswahl geschickt gewählt und weiß nicht nur durch die schiere Anzahl namhafter Rap-Größen zu überzeugen oder durch die Art und Weise, wie er deren Worte in seine eigenen einarbeitet: nebenbei gibt er auch noch einen beinahe lückenlosen Überblick der Rap-Geschichte. Dieser Überblick beschränkt sich dabei nicht nur auf die US-amerikanische Geschichte der Rapper, die Kool Savas geprägt haben, sondern bezieht durch die Auswahl der im Song vorkommenden deutschen Rapper auch die deutsche Rap-Geschichte mit ein, da die meisten von ihnen als Urgesteine und Vorreiter des HipHop und Rap in Deutschland angesehen werden können. Und offensichtlich zählt sich Kool Savas zu genau diesen Wegbereitern, die maßgeblich am Siegeszug des deutschen Rap beteiligt waren, und offensichtlich können sich alle diese deutschen Rapper auf die amerikanischen Vorbilder einigen. So lässt sich Savas sowohl seine Vorbilder und deren Auswahl, als auch seinen eigenen Status von seinen Kollegen und gewissermaßen auch Rivalen bezeugen und untermauern. Savas benutzt diese intertextuelle Strategie, um seinen Lebensunterhalt zu sichern: Je besser er die Zuhörerschaft davon überzeugen kann, dass er ein guter Rapper ist, und davon, dass er dies mit Recht behauptet, gepaart mit der Darbietungsweise, desto mehr Menschen kaufen seine Alben.
Das ist die produktive Seite der Intertextualität, die rezeptionsorientierte Herangehensweise zeigt, dass Kool Savas durch die mannigfachen Verweise vor allem auch diejenigen seiner HörerInnen, die die einzelnen Zitate erkennen und einordnen können, miteinbezieht, sich diese dadurch zu einem Kreis der Eingeweihten zählen und sich somit gewissermaßen auf einer Stufe mit Kool Savas sehen können.
Die Haupterkenntnis dieser Arbeit liegt darin, dass Intertextualität unerlässlich ist, möchte man Rap-Texte analysieren. Ohne eine Kontextualisierung der verwendeten, spezifischen Ausdrücke in dieser eigenen Sprache und ohne die genaue Betrachtung der Verwebung dieser Ausdrücke untereinander wird man keinen Rap-Text angemessen analysieren und interpretieren können. Da aber eine Annäherung der Literaturwissenschaft an Rap-Texte als Untersuchungsgegenstand allein schon aus Gründen der Literarizität mancher Texte und des möglichen Erkenntnisgewinns über unsere heutige Gesellschaft und deren Mitglieder wünschenswert wäre, gilt es, eine Literaturtheorie oder zumindest eine passende Herangehensweise zu erarbeiten, mit der dies ermöglicht wird.
Heutzutage werden fast jede Woche mehrere Rap-CDs in Deutschland veröffentlicht, dass das ,Land der Dichter und Denker' seine DichterInnen einfach verschmäht, vielleicht weil diese aus der Mitte der Gesellschaft stammen, nicht intellektuell genug sind oder einen schlechten Ruf haben, ist ein Mißstand sondergleichen. Die Intertextualität der Texte zu entschlüsseln ist der Anfang und enorm wichtig, allein damit ist es jedoch noch nicht getan.
Der gedruckte Rap-Text büßt einen Großteil seiner Faszination ein, da keine Dehnungen, besondere Betonungen oder eine abgewandelte Aussprache erfasst werden können, aber eine Möglichkeit, Rap in seiner Gänze zu erfassen, böte vielleicht ein Handwerkszeug aus der Sprachwissenschaft: Würde man einen Rap-Song transkribieren, könnte man die Prosodie herausarbeiten und vielleicht so zeigen, warum einE als gut eingestufteR RapperIn diesen Status innehat. Dadurch würde auch eine genaue Analyse der Reimschemata und Stilmittel ermöglicht, also eine objektive Betrachtung des Flows eines Rappers beziehungsweise einer Rapperin. So ließen sich vielleicht auch Regelmäßigkeiten in der Metrik beobachten und eventuell sogar eine Regelpoetik aufstellen. Savas selbst rappt: „Nach mir kommt lange nichts mehr, auch wenn du's nicht messen kannst per Rap-o-meter, der Beweis: sie liegen mir zu Füßen wie'n Bettvorleger“4 und erbringt den Beweis durch den Zuspruch der im Song und Video auftauchenden Rapper, allerdings könnte man durch die Transkription seine Fähigkeiten vielleicht eben doch messbar machen.
Interessant wäre auch eine Untersuchung ausgewählter Rap-Texte mit Hinblick auf Binarität und binäre Schemata. Da sich viele RapperInnen in Abgrenzung zu anderen RapperInnen definieren, böte sich an, genauer zu betrachten, wie durch Vergleiche beziehungsweise Gegenüberstellungen und negativ oder positiv konnotierte Ausdrücke Weltsichten im Sinne Saussures geordnet und Biographien konstituiert werden. Auch die metaphorische Gebrauchsweise vieler Wendungen im Rap könnte intensiver betrachtet werden, wenn man die Unterschiede zwischen Signifikant und Signifikat untersuchen würde, wo doch gerade diese Unterschiede in der code-artigen Sprache des Rap besonders wichtig sind.
Ebenfalls könnte Foucaults Konzept der Machtanalytik erhellend für die Analyse von Rap-Texten sein, diese sind ja gewissermaßen nichts anderes als Formationen von Aussagen, die sich zu Sinnzusammenhängen verdichten. Die Frage nach der Macht und wie versucht wird, diese herzustellen oder zu erhalten, spielt insbesondere im Battle-Rap eine große Rolle.
In jedem Fall existieren noch vielfältige hieran anschließende oder darauf aufbauende Forschungsmöglichkeiten, die – gerade was deutschen Rap angeht – bislang wenig bis gar nicht ausgeschöpft wurden.