Das Video beginnt damit, dass Kool Savas in ein Auto steigt.1 Auf dem Navigationssystem des Wagens ist als Zielort „Oldschool“ zu erkennen, darunter ist die Entfernung mit „15 Jahre“ angegeben. Noch bevor die Musik einsetzt, ist im wahrsten Sinne des Wortes schon zu erkennen, wo die Reise hingeht, die Weichen sind gestellt: 15 Jahre in die Vergangenheit, die Golden Era des HipHop, die Oldschool2. Dass die Oldschool in diesem Kontext viel mehr als nur eine Metapher ist, wird daran deutlich, dass der Großteil des restlichen Videos in einer alten Schule spielt, vielmehr in deren Turnhalle.
Nach der Einstellung im Auto ist direkt ein Plattenspieler samt darauf scratchender Hand zu sehen, und die Musik setzt mit dem ersten Sample bzw. Zitat ein: „MC am I, people call me“, was dem Song „Top Billin“ von Audio Two entnommen ist, welcher 1987 als B-Seite der Single „Make it funky“ veröffentlicht wurde und weitaus erfolgreicher als die A-Seite war. Die Bezeichnung MC ist nicht unumstritten,3 die Verwendung des Begriffes im Originalsong darf jedoch als Abkürzung für Master of Ceremony verstanden werden. In diese Tradition reiht sich Savas ein: als Meister, der den Hörer beziehungsweise die Hörerin und Zuschauer beziehungsweise Zuschauerin durch den Rest des Liedes begleitet. Bei Audio Two heisst es „MC am I, people call me Milk“, Milk, den Namen des im Original rappenden MCs, ersetzt Kool Savas durch „Essah“, was im Video gleichzeitig auf dem Nummernschild des Autos zu lesen ist, nur dass dort hinter den Buchstaben eine Null und eine Eins4 steht. „Essah“ ist eine onomatopoetische Darstellung der ersten beiden Buchstaben des Namens Savas (Kool Savas und viele andere Rapper spielen häufig mit Ihren (KünstlerInnen-)Namen und buchstabieren diese aus, in vielen Texten bezeichnet sich Savas als „S.A.V.“ oder „S.“)5, eingeführt im Lied „Essah“6 und mittlerweile auch Namensgeber des eigenen Independentlabels Essah Entertainment. So wird die erste Zeile des Liedes benutzt, um von Anfang an an eine Tradition anzuknüpfen, Vorbilder zu benennen, sich selbst als MC einzuordnen und sich vorzustellen,7 untermalt von Scratches, mit einem Verweis auf zukünftig noch zu Erwartendes.
Die zweite Zeile: „Rapper denken, sie wären fett, jedoch mein Flow ist entwässernd“ spielt mit dem im Rap eigentlich metaphorisch verwendeten und positiv besetzten Attribut „fett“, was von Savas hier wiederum metaphorisch wörtlich genommen wird und unschwer zu deuten ist: Egal, für wie gut andere RapperInnen sich und ihren Flow halten, im direkten Vergleich zu Kool Savas' Fähigkeiten können sie nicht bestehen, was auch in den folgenden beiden Zeilen zum Ausdruck gebracht wird: „Ich spit8 ein Vielfaches fresher9 als jedes Kind das rappt, bring euch dazu zu sagen: DJ, bring that back!“. Der letzte Teil ist dem Lied „Stand up“ des Rappers Ludacris10 aus dem Jahr 2003 entnommen, stellt jedoch auch eine häufig im HipHop-Kontext gebrauchte Formel dar, die eingesetzt werden kann, um eben den DJ um das nochmalige Abspielen vermeintlich besonders gelungener Passagen eines Liedes zu bitten. Zugleich wird hier an die ursprünglichste Darbietungsform und Rezeptionsart des MCing und DJing erinnert. Dies geschieht auch durch das zeitgleiche Einblenden des passenden Ausschnittes des Musikvideos von „Stand up“ im Hintergrund des Musikvideos zu „Rapfilm“, in dem zu sehen ist, wie eine überdimensionale Schallplatte aufgelegt wird. Nicht nur textlich, sondern auch doppelt intermedial wird hier erneut ganz bewusst der Bezug zur DJ-Tradition hergestellt, welche untrennbar mit der Entstehung der HipHop-Kultur verbunden ist und eines der vier Elemente darstellt.
Im Musikvideo ist Savas mittlerweile auch in der Turnhalle der alten Schule angekommen, nachdem er sich zuvor an der Tür die Schuhe auf einer Fußmatte mit dem Aufdruck „Parental Advisory – Explicit Content“ abgetreten hat, was wiederum einen Verweis auf die US-amerikanische Szene darstellt, in der solche Warnhinweise auf den Albencovern zu sehen sind, insofern sie als nicht jugendfrei eingestuft werden.11 Teilweise wurden solche Hinweise jedoch auch als Qualitätsmerkmal und verkaufsfördernd angesehen. Das Füßeabtreten auf dem Warnhinweis kann als Kool Savas' Kritik an der Zensur interpretiert werden – zumal seine ersten bekannteren Texte zum Großteil sehr roh und mit Kraftausdrücken gespickt waren –12 und stellt gleichzeitig wiederum eine Verortung in einer bestimmten Rapszene und Tradition dar, nämlich jener, in der Pejorative und Kraftausdrücke nicht unbedingt unerwünscht sind und einen Platz haben: dem Subgenre des Battlerap.13
„Und immer wenn ich was release seid ihr Hater irritiert, denn ihr wisst es, ich hab diesen brand new flava in ya ear“ lautet die nächste Zeile, in der sich Kool Savas gegen sogenannte Hater14 wehrt und deren Missbilligung15 von Savas' Veröffentlichungen als simple Irritation entlarvt haben will. Diese rührt daher, dass Savas beansprucht, den brand new flava in ya ear zu haben, was dem Text zufolge selbst die Hater eigentlich wissen, wenn auch vielleicht nicht wahrhaben wollen. Diese Stelle verdient besondere Beachtung; das Zitat „brand new flava in ya ear“ stammt aus dem Song „Flava in Ya Ear“16 aus dem Jahre 1994 des Rappers Craig Mack. Ein Zusammenschnitt des Videos wird hinter Kool Savas eingeblendet, in dem auch Craig Mack zu sehen ist. Der Song wurde kurze Zeit später einem Remix unterzogen, in dem auch die Rapper Notorious B.I.G., Rampage, LL Cool J und Busta Rhymes zu Wort kamen, was als der erste Possetrack17 eingestuft werden kann, welcher dem Rapper Biggie Smalls beziehungsweise Notorious B.I.G. zu Aufmerksamkeit, Berühmtheit und dem Durchbruch verhalf. Dadurch wird zum einen Bezug auf den kompletten Diskurs um Biggie Smalls genommen, was den Beef18 mit 2Pac, der als einer der größten und tragischsten der Rapgeschichte angesehen werden kann, miteinschließt.
Zum anderen kann das als intertextuelle Verknüpfung zum Diskurs um den Beef zwischen Kool Savas und Eko interpretiert werden, da Savas sich hier mit Craig Mack gleichsetzt, der Biggie Smalls berühmt machte, was einer gewissen Analogie zur Beziehung zwischen Eko und Savas nicht entbehrt. Denn auch Savas brachte Eko überhaupt erst ins Rampenlicht und somit ans Licht der Öffentlichkeit. Auf diese Weise wird dem Rezipienten beziehungsweise der Rezipientin der Disput zwischen den beiden deutschen Rappern in Erinnerung gerufen und Kool Savas stellt sich auf eine Ebene mit einer weiteren Rap-Legende, während er die Berechtigung des Vergleiches gleichzeitig mit der gezogenen Analogie der Beziehungen der Rapper und dem damit verbundenen Statusanspruch belegt. Gleichzeitig beansprucht Savas auch durch den wörtlichen Inhalt den Status eines Erneuerers, dessen innovative Veröffentlichungen zuallererst Irritation auslösen müssen, da sie ja ein „brand new flava“ sind, also der gewöhnlichen Rezeptionserwartung nicht entsprechen und sozusagen frischen Wind in die Szene bringen: Auch Savas selbst betont in seinen Texten stets die Weiterentwicklung und Perfektion seiner Technik und Flows.
Bei der Analyse der folgenden Zeile: „Yeah, S.A.V., Akte X, Power pur wie Asterix, LMS - Die Übersetzung: Suck my dick!,“ kann man den Gedanken des Irritierenden, Neuen und Unglaublichen aus der vorherigen Textzeile weitergeführt sehen. Mit der Erwähnung der Fernsehserie Akte X – die sich thematisch hauptsächlich mit übernatürlichen Phänomenen und Ausserirdischen beschäftigt – vermag Savas' seine Fähigkeiten als übermenschlich und nicht von dieser Welt darzustellen, vorausgesetzt, der Rezipient beziehungsweise die Rezipientin lässt sich auf die Analogie ein und demjenigen ist Akte X ein Begriff. „Yeah“ kann als Interjektion und taktfüllender Lückenbüßer betrachtet werden, ebenso die bereits erwähnte Buchstabierung der ersten Buchstaben des (Künstler-)Namens, welche gleichzeitig auch als Wiederholung der Vorstellung des Künstlers und Erinnerung angesehen werden kann. Als nächstes vergleicht sich Savas mit Asterix, wodurch ein weiterer popkultureller Diskurs eröffnet wird, und Savas das Selbstbild einer energiegeladenen, unbesiegbaren Comicfigur, die für Stärke und Intelligenz bekannt ist, entwirft. Der nächste intertextuelle Verweis widmet sich Savas' Karriere selbst, die mit dem berühmt-berüchtigten Lied „LMS“ (kurz für „Lutsch meinen Schwanz“) ihren Anfang nahm. So wird die Erinnerung an dieses Lied und die damit verbundene Diskussion und Aufmerksamkeit in der Szene evoziert. Direkt im Anschluss liefert Savas mit der Übersetzung ins Englische den nächsten intertextuellen und interkulturellen Bezug indem er DMX' „Party Up (Up In Here)“ aus dem Jahr 1999 zitiert. Der Partysong, in dem DMX ebenfalls „Suck my dick“ rappt, wurde auch in Deutschland heftig rezipiert. Nicht zu vernachlässigen ist der Umstand, dass hier „Akte X“ auf „Asterix“ und „suck my dick“ gereimt wird, was auch zur Erklärung der Auswahl dieser speziellen Themengebiete beitragen kann.
Das generell für den Rap sehr typische Stilmittel der Assonanz19 wird hier in der nächsten Zeile mit „sag mal nix“ noch fortgeführt, bevor es mit einem spielerischen Vergleich und einem neuerlichen Zitat weiter im Text geht: „Doch sag mal nix, ich kombinier die Lines wie Sudoku und keep them shook crews runnin' like they suppose to“. Einerseits liegt in dem Reimen von „Lines wie Sudoku“ auf „like they suppose to“ eine weitere Assonanz und eine Antilabe vor, andererseits vergleicht Savas hier seine Tätigkeit als Rapper mit dem Lösen eines Sudoku-Zahlenrätsels, bei dem es analog zum Rap darauf ankommt, was sonst noch in derselben Zeile (=Line) steht. Dieser Vergleich legt nahe, dass es nur eine richtige Art zu Reimen gebe, dass diese logisch zu erfassen sei, allein von Savas beherrscht wird und dies nur aufgrund seiner Intelligenz und Fähigkeit, das große Ganze, Formelhafte zu erkennen, und zwar mit einer spielerischen Leichtigkeit wie beim Lösen eines Zahlenrätsels. Das Anführen von Sudoku ist ein weiteres intertextuelles Vorraussetzen von kulturellem Wissen, vor zehn Jahren wäre in Deutschland Sudoku wahrscheinlich niemandem ein Begriff gewesen.
Das Zitat „keep them shook crews running like they suppose to“ stammt aus dem Lied „Shook Ones Pt. II“, der ersten erfolgreichen Singleauskopplung der Gruppe Mobb Deep von 1995. Der Song hat mittlerweile im Rapgenre einen Klassikerstatus erreicht, der seinesgleichen sucht. Diverse Zeilen des Liedes wurden immer wieder in unterschiedlichsten internationalen Rap-Songs zitiert und der Beat im oscarprämierten Film „8 Mile“ als Instrumental für das finale Freestylebattle gewählt, in welchem die von Rapper Eminem gespielte Figur wiederum unter anderem abgewandelte Zitate aus „Shook Ones Pt. II“ rappt. Inhaltlich kann das Zitat dahingehend interpretiert werden, dass Savas andere Rappercrews durch das Kombinieren seiner Zeilen das Fürchten lehrt, sie schockiert und zittern (= „shook“) lässt, wie es sich gehört (= „like they suppose to“), wobei man davon ausgehen kann, dass im Original eine andere Konnotation impliziert war, da es sich dabei eindeutig um ein textlich dem Gangsterrap zuzuordnendes Lied handelt.
„Diese Spinner sind hohl, denken: lets get it on, kiffen sich tot, Karriere? Whoa - Griff in das Klo!“ lautet die nächste Textzeile, die einen deutlichen Angriff auf nicht näher benannte, andere Rapper darstellt, denen Savas Dummheit unterstellt, indem er sie als „hohl“ bezeichnet. Dies unter anderem bedingt durch Drogenkonsum20, weswegen ihre Karriere nur ein sinnbildlicher „Griff ins Klo“ sei. Zitiert wird hier wieder DMX mit seinem Song „Get It on the Floor“ aus dem Album „Grand Champ“ von 2003 – ein weiterer auch in Deutschland sehr erfolgreicher Partysong – und Black Rob mit dem Lied „Whoa“ aus dem Jahr 2000. Dieses Zitat sticht insofern heraus, dass es sich hierbei um ein klassisches one hit wonder und keine überragende Raplegende handelt. Black Rob war mit seinen Alben kein Erfolg beschieden,21 warum der Song von Savas ausgewählt wurde, bleibt unklar, vielleicht eine simple persönliche Vorliebe für das Lied oder Faszination für den Ausdruck, der im Song von Black Rob ausführlich erklärt wird.
„Du kriegst Dick und Nüsse zum Blown, laber nicht über mich du Mistkind, denn you don't know me and you don't know wie ich bin.“ In dieser Zeile ist zum wiederholten Male Selbstreferenzialität und Reflexionen über die Szene zu erkennen: Typische Abgrenzungsversuche der KünstlerInnen untereinander beziehen meist die Abwertung der Fähigkeiten anderer mit ein. Um diesen Urteilen anderer über seine eigene Kunst entgegenzuwirken, benutzt Savas das von ihm selbst sehr strapazierte Sinnbild des Oralverkehrs, um seinen Widersachern, die schlecht über ihn reden, metaphorisch und umgangssprachlich ,das Maul zu stopfen'. Gleichzeitig kann diese Textpassage als Anlehnung an Kool Savas' bereits erwähntes Lied „LMS“ verstanden werden, oder dem sexualisierten Sprachgebrauch des Battlerap geschuldet sein, in dem es gang und gäbe ist, die Sexualität der Gegner zu verunglimpfen. Mit dem Zitat „you don't know me and you don't know...“ des Rappers Method Man22 nutzt Savas die Textpassage gewissermaßen als Autoritätsargument. Mit dem Hinweis darauf, dass die meisten von ihnen Kool Savas nicht persönlich kennen und deshalb nicht wissen können, wie er wirklich ist, entzieht er ihnen die Autorität und Grundlage, ein Urteil über ihn zu fällen.
„Skip ihn zurück, hör dir den Song von Anfang an, dann lernst du was, und wenn nicht you're hella dumb dumb dumb dumb“ ist zuallererst ein expliziter Verweis auf die Performativität und Rezeptionssituation mit der direkten Anrede des Hörers beziehungsweise der Hörerin und nicht nur des Battle-Gegners beziehungsweise der Battle-Gegnerin. Indem der Rezipient beziehungsweise die Rezipientin dazu aufgefordert wird, den Song zurück zu skippen, um etwas zu lernen, wird der wissenskonstitutive Charakter des Liedes sehr anschaulich zeigt und belegt. Lernt der Rezipient beziehungsweise die Rezipientin trotz wiederholtem Zuhören nichts, muss er schon „höllisch dumm“ sein. Das englische „hella“ ist eine umganssprachliche Zusammenführung der Worte „hell of“, wie es beispielsweise in Ausdrücken wie „hell of a guy“ benutzt wird. Die Möglichkeit, dass jemand den Song wiederholt hört und trotzdem nichts daraus lernt, da er nicht über das nötige (sub-)kulturelle Wissen verfügt oder ihm die mannigfaltigen intertextuellen Verweise nicht auffallen, lässt der Künstler hier außen vor. Das könnte als Hinweis darauf verstanden werden, dass Kool Savas schon beim Schreiben des Textes davon ausgegangen ist, dass sein Text nur szeneintern rezipiert wird, auf jeden Fall aber nur von SzenekennerInnen zur Gänze erfasst werden kann. Der zitierte Text stammt aus dem Lied „I got 5 on it“ von Luniz23 aus dem Jahr 1995. Obwohl sich der Song thematisch hauptsächlich um Drogenkonsum dreht, erfreute er sich großer internationaler Beliebtheit und wird auch heute noch im Radio gespielt. Widersprüchlich scheint die Tatsache, dass Kool Savas diesen Song ausgewählt hat – trotz der Drogenthematik und Savas' Abneigung demgegenüber – nicht, da es sich hierbei um einen der großen, weltberühmten Klassiker handelt und nicht zu vermeiden ist, unter diesen Klassikern eben auch solche vorzufinden, die Drogen gegenüber positiv eingestellt sind, was im Hip-Hop beileibe keine Seltenheit ist.24