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Vorbemerkungen 4: Intertextualität, der Diskursbegriff, kulturelles Wissen und Rap Lyrics by David Molke

Die Funktion der Intertextualität im deutschen Rap. Kool Savas’ Rapfilm

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„Dem bewährten Vorgehen, der eigenen Arbeit einen Forschungsbericht voranzustellen, steht im Fall der Intertextualität zweierlei entgegen: die Menge der Forschungsliteratur und die 'Undisziplinierbarkeit' des Begriffs.“1
Dementsprechend wird in diesem Kapitel der Begriff der Intertextualität und dessen Verwendung in der vorliegenden Arbeit kurz umrissen und der Versuch unternommen, Begriffe wie Diskurs und kulturelles Wissen für die Anwendung auf Raptexte fruchtbar zu machen.
Der Begriff der Intertextualität, geprägt von Kristeva, aufgegriffen und weiterentwickelt von u.a. Barthes und Foucault,2 wird in dieser Arbeit als die Bezeichnung von Beziehungen zwischen Texten verstanden. Dies kann wie bei Genette3 bedeuten, dass ein Text direkt in einem anderen vorzufinden ist – wie es bei den häufigen Zitaten, die Kool Savas in seinem Lied „Rapfilm“ eingeflochten hat, der Fall ist – meint aber auch Anspielungen und Bezugnahmen auf andere Texte, wie sie ebenfalls im „Rapfilm“ vorzufinden sind.
In dieser Arbeit wird der Begriff der Intertextualität in einem weiten Sinn verwendet und alle Verweise im analysierten Text, die auf Diskurse, Begebenheiten oder Texte ausserhalb des Liedes selbst rekurrieren, darunter subsumiert:
"Die Intertextualität verankert HipHop sowohl in lokalen und internationalen musikalischen Traditionen, insbesondere der populären Musik afroamerikanischer Prägung sowie in der sozialen Realität der jeweiligen kulturellen Kontexte, aber auch im auditiven und optischen Universum der Populärkultur."4
Das schließt zwangsweise auch intermediale und diskursüberschreitende Beziehungen der Texte untereinander mit ein, sowie Verweise auf ganze Systeme, allen voran die HipHop-Kultur, die als kulturelles Gedächtnis oder Archiv interpretiert werden kann.
"Die in einem Text kombinierten – inhaltlichen und ästhetisch-strukturellen – Elemente wären dann nicht nur in ihrer Relation untereinander, sondern gleichzeitig auch zu den verschiedenen kulturellen Bereichen ihres Entstehungskontexts zu untersuchen. [...] Folglich wäre der literarische Text nicht als autonome, selbstbezügliche Sphäre zu begreifen, sondern immer schon als kulturell präfiguriert."5
Dabei ist im Falle des Rap eine Modifikation beziehungsweise eine Erweiterung des Begriffs der Intertextualität vonnöten, da gleichzeitig aus rezeptions- und produktionsorientierter Perspektive an Raptexte herangegangen werden muss, um sie in Gänze erfassen zu können: Wie bereits angeführt, kann Rap nicht ohne die Autorintention gedacht werden, jedoch funktionieren die mannigfaltigen intertextuellen und intermedialen Querverweise in den Texten auch nicht ohne das kulturelle Wissen der Rezipienten.
Kulturelles Wissen wird hier „[...] verstanden als die Gesamtheit kollektiv geteilter und symbolisch vermittelter Annahmen über die Wirklichkeit, d.h. über gesellschaftlich prävalente Themen, Werte, Normen, Selbst- und Fremdbilder. Literarische Werke entstehen im Kontext von Kulturen, in deren symbolischen Ordnungen bereits kulturelles Wissen zirkuliert.“6
Diskurs wird hier im Sinne eines umfassenden Themenkomplexes und allen zu diesem gehörigen geäußerten Meinungen, Veröffentlichungen und Diskussionen verwendet. Auf diese Weise wird HipHop generell als übergeordneter Diskurs oder eigene Diskurswelt verstanden, der einzelne Diskurse wie Rap einschließt, welcher wiederum die einzelnen untergeordneten Diskurse wie den hier besonders beachteten Battlerap umfasst, einschließlich aller Veröffentlichungen von Künstlern selbst, Besprechungen derselben und so weiter. Das Miteinbeziehen dieser Texte und Bezugspunkte ist für eine Rap-Textanalyse unerlässlich, denn:
"Sie speisen sich nicht nur aus dem kulturellen Wissensbestand, sondern haben auch aktiv an dessen Konstruktion, Modifikation und Dissemination teil und sind daher – neben anderen kulturellen Objektivationen wie etwa Bildern, Zeitungen, oder Filmen – als eigenständige Medien der Wissensproduktion zu begreifen."7
"Damit stellt HipHop eine Art akustisches Museum dar, in dem die musikalischen Traditionen nicht nur afroamerikanischer Kultur, sondern generell der Populärkultur in der Gegenwart lokalisiert werden. Da Intertextualität, wie vorhin festgestellt wurde, in einem dynamischen Prozess von Produktion und Rezeption besteht, ist sie ein Moment kultureller und sozialer Praxis.
Erst im Prozess der Aneignung offenbaren sich die Beziehungen zwischen den zahlreichen populärkulturellen Bezügen und den Aktivierungen von Wissens- und Erfahrungsbeständen der Hörer. [...] Intertextualität als dynamischer Prozess des kulturellen und sozialen Diskurses stellt damit eine Variante der kommunikativen und diskursiven Einbettung der Interpretation, des Verstehens und des Erlebens von HipHop-Tracks und anderen Texten nicht nur der Populärkultur dar."8
Dies ist das Ziel der Textanalyse: Mithilfe rezeptions- und produktionsorientierter literaturwissenschaftlicher Herangehensweisen, mit dem Handwerkszeug der Intertextualität und diskursanalytischen Ansätzen soll eine Kontextualisierung der einzelnen intertextuellen und -medialen Verweise vorgenommen werden – eingebettet in das kulturelle Wissen der HipHop-Kultur.
Auf diese Weise wird ermöglicht, den Text „[...] in einen signifikanten Bezug zu anderen kulturellen Objektivationen zu stellen und deren Austausch- und Interdependenzverhältnis zu fokussieren.“9
Nur so erscheint es möglich, einen Raptext in seiner vielfältigen semantischen Dimension erfassen, verstehen und analysieren zu können und ihm ansatzweise gerecht zu werden, geht man davon aus, „[...] dass die Ordnung des literarischen Texts das Resultat seiner vielfältigen Verwebungen und Interaktionen mit seinem Entstehungskontext ist.“10
Oder nach Baßler:
"Mögliche Paradigmen einer Kultur ergeben sich, jedenfalls für den, der dieser Kultur nicht angehört, erst aus der Analyse ihrer konkreten Texte. Allein über deren Fügungen, qua Kontiguität, lassen sich paradigmatische Zusammenhänge erschließen. In der Versdichtung ist das Äquivalenzprinzip besonders sinnfällig, in der Notation der Verse untereinander findet es seinen graphischen Ausdruck."11

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